von Obernberg nach Mühldorf

BAWIL und das Typische

muhldorf-fussingBisher war dieser Teil Deutschlands im Osten Bayerns auf meiner persönlichen Landkarte ein weißer Fleck. Das ist umso verwunderlicher, als dass solche weißen Flecken in Deutschland inzwischen relativ selten geworden sind und ich zudem auch noch genetische Wurzeln hier in Niederbayern habe. Kommt doch die Großfamilie meines Opas mit 13 !!! Geschwistern aus dieser wunderbaren Gegend. So werde ich erst  jetzt diese Ecke der Republik mit Farbe versehen. Ich liebe dieses Herumstreunen in mir unbekannten Gegenden. Ist man doch oft viel achtsamer und neugieriger, wenn etwas neu und unbekannt ist. Wie eine neue Liebe. Mal sehen wie es so ist. Wie tickt man hier? Was ist hier wichtig? Was tut mir gut, was stößt mich ab? Fühlt es sich hier gut an? Sehr spannend! Oft bringt es mich zum Staunen, so auch dieses Mal. Das hier scheint eine Gegend der Superlative zu sein!
Die Tour beginnt in Obernberg am Inn, wo sich, wie man sagt der schönste Barockplatz Österreichs befindet.dsc_11349 dsc_11296dsc_11353Weiter geht es nach Katzenberg und hier ist der Name Programm. In meinem nächsten Leben wohne ich hier. „Griaß di“dscn1564_w
Bei diesem Anblick wirft sich gleich eine Frage auf. Was ist typisch? dscn1563_w„A typisches Inntaler Wirtshaus!“ Das ist für Fremde an das Haus gepinselt. Den Einheimischen braucht man das ja nicht zu sagen. Die gehen einfach rein, so wie immer. „Typisch“ finden Touristen immer toll. Suggeriert es doch, dass man da hin gehen kann und schon ist man mitten drin im authentischen Dorfleben und kann ein bisschen teilhaben. An was auch immer. Ich frage mich aber:“Will ich das wirklich?“ Hier gibt es jede Menge meist völlig überdimensionierte Kirchen und daneben eigentlich immer ein Wirtshaus. Meine Theorie ist die: Sonntags gehen alle zum Gottesdienst, Mutti geht anschließend nach Hause und kocht ganz typisch „an Schweinsbrodn mit Knedln und a Graut“ und Vati geht typischerweise ins Wirtshaus neben der Kirche zum Frühschoppen, um die Welt neu zu ordnen. Mutti betet inzwischen weiter, dass Vati bald und nicht allzu angesäuselt nach Hause kommt. Und wenn am Nachmittag die Touristen kommen, ist alles vorbei, vor allem das Typische. Vati macht Mittagsschlaf und Mutti……
Hier führen alle Wege nach Südendscn1492_win das Europareservat Unterer Inn, ein Naturschutzgebiet von weltweiter Bedeutung. Insgesamt 5 Staustufen zwischen Braunau und Passau haben ein einzigartiges Rückzugsgebiet für Wasservögel geschaffen. Überall pfeift, zwitschert, schnattert, kräht und quakt es. 100000 Grüntöne beruhigen die Augen und die Seele.dscn1507_wdscn1554_wdscn1558_wdscn1488_wdscn1535_wdscn1513_wIn Braunau erreiche ich schließlich die größte und älteste Stadt im österreichischen Innviertel. Der mittelalterliche Stadtkern ist sehr gut erhalten und toll restauriert.dsc_11243dsc_1240_wdsc_11235Der Inn hat hier schon eine beachtliche Breite…. und keine Schiffe…dsc_11224Gegenüber auf der deutschen Seite des Flusses liegt Simbach. Eine ziemlich nichtssagende und in meinen Augen auch ein bisschen ungepflegte Stadt. Wahrscheinlich haben die aber einfach kein Geld mehr, denn sie haben 250 000 Euro für diese Statue ausgegeben.dscn1530_wSie soll den Inn symbolisieren. Also, ich hab bisher noch nicht so einen großen Fisch gesehen und so einen flotten Fischreiter schon gar nicht. Da ist wohl dem Künstler die Fantasie durchgegangen. Das Kunstwerk steht direkt an der Innbrücke und schaut nach Bayern.
Die Österreicher sehen das:dsc_11222Man sagt, sie seien „not amused“.
Der weitere Weg ist eher beruhigend. Man könnte auch sagen langweilig. Der Inn ist mal begradigt, mal naturbelassendsc_11302 und der Radweg führt oft von ihm weg durch brettebene Landschaft.dsc_11308Auf den nächste Superlativ treffe ich erst in Marktl. Einer der höchsten Geistlichen der katholischen Kirche, Papst Benedikt XVI, der erste deutsche Papst seit 1523, wurde hier 1927 als Joseph Aloisius Ratzinger geboren.dsc_11309Ist es Zufall, dass man den Kopf ganz weit zurücklegen und ganz weit nach oben in den Himmel schauen muss, wenn man die Kirche betrachten will, in der er getauft wurde?dsc_11312Hinter Marktl geht es zum Glück wieder am Fluss entlangdsc_11306
und laaaaange durch wirklich wunderbaren Herbstwald. dsc_11313
Das Schöne an einer solchen Tour zu dieser Jahreszeit ist, dass man meistens allein ist. Mir begegnet niemand, kein adonisgleicher Jüngling, weder auf einem Fisch noch auf einem Fahrrad und auch kein MAMIL (Middle Age Man In Lycra). Das ist keine Erfindung von mir, sondern eine wohl definierte, gerne belächelte, moderne Erscheinung, nachzulesen hier: Mamil. Es gibt sogar eine wissenschaftliche Studie über radelnde Silberrücken.
Die Bierbäuchlein, die wahrscheinlich in den so typischen Wirtshäusern entstehen und gepflegt werden, sind aber teilweise wirklich ein bisschen hinein gepresst in die kurzen Leggins. Größe „M“ hat man einfach nicht lebenslänglich. Die Hosengröße wächst nun mal mit der Lebenserfahrung.mamilAber, ehrlich gesagt, mag ich es auch nicht, wenn mir ein bakterienbebrütetes und sonnengebleichtes Baumwoll-T-Shirt nass geschwitzt auf der Haut klebt und wenn ich durch die Verdunstungskälte anschließend 10 Einheiten Fango brauche. Ich finde es auch nicht toll, wenn meine Lieblings-Schlabberhose in der öligen Kette klemmt und ich täglich eine Dose Penatencreme auf den Allerwertesten schmieren muss.
….Understatement hin oder her.
Ich mag es, wenn mein Popo schön gepolstert  ist und nix weh tut, wenn mein Rücken beim Schwitzen schön belüftet ist und wenn mein Bauch schön warm ist, wenn meine Beine schön braun werden und wenn mein Handy mit der Musik schön im Rückentäschchen steckt, wenn das Trikot nach einem Regenschauer sofort schön trocken ist und wenn alles schön cool aussieht an der Oma, auch gerne eng am Bäuchlein, damit’s nicht schön flattert.
Ja, ich trage Lycra (in der passenden Größe) und bin gerne als BAWIL (Best Age Woman In Lycra) unterwegs.
In diesem Sinne nähere ich mich dem Ziel. Jetzt wird es sogar noch ein bisschen romantisch, was das Alleinsein nicht schöner macht.dsc_11326
Das Stauwerk Töging nahe Mühldorf ist ein Beweis dafür, dass Technik auch sehenswert sein kann. Es gibt am Inn in regelmäßigen Abständen Wasserkraftwerke. In ihnen finde ich auch die Antwort auf die Frage, die sich mir seit der Alpentour immer wieder gestellt hat: Warum gibt es keine Schiffe auf dem Inn? Zumindest keine, die lange Strecken zurück legen. Weil es Wehre gibt und keine Schleusen.dsc_11340Der Marktplatz von Mühldorf ist wirklich etwas Besonderes. Sehr lang gestreckt, mit Arkadengängen, die an südliche Städte erinnern und bunten Häusern im Inn-Salzach Stil, ein bisschen mehr Pastell als in Österreich aber auch toll.dsc_11342

Advertisements

Ein Gedanke zu “von Obernberg nach Mühldorf

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s