von San Valentino nach Meran

erfüllte Erwartungen und Sissi

san valentino MeranAus verschiedenen, hauptsächlich meteorologischen Gründen stehe ich heute gaaanz früh auf und sehe als erstes das:
DSCN1084Als Zweites sehe ich das:DSCN1088Ich hatte gestern schon erwartet, dass ich heute von meinem Balkon aus den Ortler im Sonnenaufgang erleben darf.
Erwartungen sind ja oft mit einem gewissen Risiko verbunden. Generieren sie doch immer wieder Emotionen, die zu Enttäuschungen führen können. Sollte man vielleicht komplett darauf verzichten?
Wenn wir etwas Schönes erwarten, so wie den Ortler im Sonnenaufgang, stellt sich Vorfreude ein, und das ist bekanntlich die Schönste aller Freuden. Gestern hatte ich auch Erwartungen. Sie sind nicht eingetroffen. Ich hatte erwartet, dass ich mich am Reschenpass quälen muss. Musste ich nicht. Erwartungen übertroffen. Keine Vorfreude, aber große Freude bei der Unternehmung und danach. Auch toll!
Wenn wir Schwierigkeiten sehenden Auges erwarten, können wir uns darauf einstellen und Bewältigungsstrategien entwickeln. Im Sport ist es das mentale Training, ohne das er eigentlich nicht denkbar ist, wenn Herausforderungen bewältigt werden sollen.
In Beziehungen habe ich schon gehört: „Hab bitte keine Erwartungen an mich.“ Ja, nee is klar. Schön unverbindlich. Wenn’s nicht klappt, waren deine Erwartungen eben zu hoch und ich hab damit nix zu tun.
Also, ich möchte verbindlich leben. Ich möchte etwas erwarten dürfen und Erwartungen erfüllen. Ich möchte Vorfreude erleben und mit Enttäuschungen umgehen können.  Und heute erwarte ich 74 Bergabkilometer und einen tollen Tag.  Jawoll!
DSCN1090 Er fängt schon toll mit Vinschgerl und Ortlerkäse beim Frühstück an, das seinem Namen alle Ehre macht. Früh muss es heute los gehen, weil hier ab Mittag der Unterwind weht. Das Prinzip ist das Gleiche wie im Inntal, also ein talauf gerichteter Wind, der durch Sonneneinstrahlung ausgelöst wird. In dem Fall arbeitet er aber gegen mich und kommt von Vorne.
In den letzten Tagen ist mir immer wieder von der Überfüllung des Etschradweges berichtet worden, vor allem von vielen Radlergruppen, die dort mehr oder weniger rücksichtsvoll unterwegs sein sollen. Ich will nicht, dass mir auf den vor mir liegenden langen und steilen Abfahrten wilde Draufgänger im Nacken hängen.
Meine Erwartungen werden erfüllt. Ich bin alleine auf dem Radweg, anfangs zumindest, und nur da ist er steil.
DSCN1105DSCN1106da war wohl einer zu schnell.
DSCN1094DSCN1097Ab Burgeis wird es flacher.
unbenannt-4DSCN1100DSCN1091Ich komme nach Glurns. Mit seiner sehr gut erhaltenen Stadtmauer und dem alten mittelalterlichen Ortskern ist die kleinste Stadt Südtirols einer der zauberhaftesten Orte im Obervinschgau.
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dscn1115Lange rolle ich mit ca. 25 km/h ohne treten zu müssen immer an der Etsch entlang.
DSCN1141Kilometerweit führt der Radweg durch Apfelplantagen und oben thronen die Burgen. Unverkennbar ist das hier Südtirol.
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dscn1142Mittagessen am See. Es gibt Vinschgerl mit Ortlerkäse. Der Ortler mit Eis und Schnee hat sich beim Abzweig zum Stilfserjoch in Prad verabschiedet.
dscn1128DSCN1113Gegen 13 Uhr, ca. 10 km vor Meran, dort wo das Etschtal die engste Stelle hat, trifft er mich dann doch, der Unterwind, mit 25 km/h genau von vorne
Bei Algund öffnet sich das Tal und gibt den Blick  auf Meran frei.
DSCN1153Noch eine steile Abfahrt und die Stadt nimmt einen auf. Radler nimmt sie leider mit den hässlichsten Radwegen auf, die es gibt. Schmuddelige Hinterhöfe, beschmierte Unterführungen, Dreckhaufen. Ständig frage ich mich, ob ich mich vielleicht verfahren habe. Warum tut so eine Stadt das?
Schließlich sind es 2220 Höhenmeter Downhill (zeitweise ging es ein bisschen rauf und runter) und die meisten ohne Wind. Erwartungen voll erfüllt. Vorfreude und Nachfreude!!

Eigentlich ist Meran eine schöne Stadt.
dscn1155DSCN1174dscn1158dscn1168dscn1171Bei den gefühlten 100 Mal, die ich schon hier war, stelle ich aber immer wieder fest, dass es nicht meine Stadt ist. Viel Kommerz, viel Sehen und Gesehenwerden, viel Flanieren und unnütze Dinge Shoppen (damit kann man mich jagen) und überall Bars, Lounges und Cafes zum Chillen oder was auch immer. Gegen einen Kaffee unter Palmen ist grundsätzlich ja nichts einzuwenden, schon gar nicht, wenn mir dabei einer so tief in die Augen schaut.
dscn1161Bei einem Bummel in der Passerpromenade wird es mir endlich klar.dscn1166
DSCN1167Der Hochadel der Touris trifft sich hier, nicht die Radler mit 2 T-Shirts und einer Hose  im Gepäck.
Ich habe mich in einem Hotel einquartiert, in dem ich vor 40 Jahren einige Jahre Stammgast war. Die Lage ist sehr unattraktiv (deshalb haben sie wahrscheinlich den Radweg genau daran vorbei geführt). Das Zimmer so lala. Aber abends ist das Restaurant brechend voll. Es ist heiß, es ist laut, es duftet nach Holzofen. Italienische Großfamilien palavern und lachen. Kinder toben, der Hund legt schon mal die Schnauze auf den Tisch. Es gibt kaum Touristen. Der Service ist mehr als perfekt und die Pizza sensationell. Ich sehe keine Smartphones. Man unterhält sich und nimmt sich wahr. Ich liebe es wie vor 40 Jahren.
dscn1175Schön, dass es noch so ist wie es ist. Bella Italia!!!!

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